7 Fragen an Judith Geiss von The Bridge -Consulting & Training

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Liebe Frau Geiß, seit mehr als 10 Jahren beraten Sie Unternehmen bei der Post-Merger-Integration nach der Übernahme durch einen US-Konzern. Wie ergab sich diese besondere Fokussierung?

Vor Jahren war ich persönlich von einer Übernahme betroffen. Ich unterschrieb 2005 einen Vertrag bei einer mittelständischen Firma. Nur 10 Tage später erhielt ich eine Nachricht, die mich sofort verunsicherte: Das Unternehmen sollte übernommen werden – von einem amerikanischen Konzern.

Plötzlich musste ich mich fragen, wie lange mein neuer Arbeitsplatz wohl sicher sein würde.

Heute weiß ich: Dieser Moment der Unsicherheit und auch Zukunftsangst war die Weichenstellung in meinem Leben. Denn damals begann mein Weg zur Expertin für all das, was nach einer Übernahme durch ein amerikanisches Unternehmen folgt.

Selbst für mich als Expertin war erst einmal alles neu: das Rechnungswesen. Die Bilanzierung. Die Umgangsformen mit den Amerikanern. Ich erlebte einen regelrechten “Clash of cultures”.

Doch nach und nach spezialisierte ich mich auf Monats-, Quartals- und Jahresabschlüsse nach US-GAAP. Und plötzlich fragten mich auch andere Firmen mit amerikanischen Mutterkonzernen um Rat.

Ich begann meine Selbstständigkeit als Interims-Managerin. Doch nach und nach holte ich andere an Bord, um eine Kombination aus Consulting und Training anbieten zu können. Und oft genug trete ich auch als Vermittlerin auf, höre zu, stelle die richtigen Fragen.

Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viele Fragezeichen sich in dieser Situation auftun.


Welche besonderen Anforderungen haben denn US-amerikanische Konzerne bei der Übernahme?

Die Anforderungen sind vielseitig. Die 5 größten Veränderungen umfassen:

  1. Die Bilanzierung wird sich ändern (müssen)
  2. Sie brauchen neue Systeme und Tools
  3. Die Mitarbeiter müssen sprachlich fit sein
  4. Die neuen Eigentümer sind anders
  5. Gewohnte Abläufe verändern sich


Durch die Einführung des Sarbanes-Oxley Act im Jahr 2002 kamen ganz neue Anforderungen auf Tochtergesellschaften von US-Konzernen zu. Welche Fallstricke sollte man hier vermeiden?

Sich nicht richtig vorbereiten (das ist ein richtiges Projekt und sollte dementsprechend aufgesetzt werden).

Ohne Plan an die Umsetzung zu gehen insbesondere auch auf Grundlage eines zweisprachigen Prozesses (häufig wird das nicht oder zu spät beachtet).

Es ohne fachkundige Unterstützung zu machen (Und dann genau mit den Fallstricken zu kämpfen, die man hätte vermeiden können).


„Neben vielen anderen Dingen, die auf einen einwirken, ist der „clash of cultures“ nicht zu unterschätzen.“


Neben der technischen Integration der Systeme, spielt ja vor allem auch die kulturelle Integration eine große Rolle. Wie kann diese gelingen?

Ein nicht zu unterschätzender Punkt. Das Arbeiten mit Amerikanern ist für viele Unternehmen und deren Mitarbeitern, Führungskräfte und die Geschäftsführung etwas Neues. Zumindest im Zusammenhang mit deiner Übernahme. Neben den vielen anderen Dingen, die auf einen einwirken, ist der „clash of cultures“ nicht zu unterschätzen. Es gilt sich aufeinander einzustellen. Offen zu sein für Neues und man muss seinen Umgang damit finden. Das ist sehr individuell, aber darin stecken wie in allem im Leben auch Chancen. Ich werde immer gefragt: Wird es jetzt besser oder schlechter, wenn wir einen amerikanischen Eigentümer haben? Ich antworte darauf, dass dies die Zeit zeigen wird, aber es wird definitiv eins, nämlich anders.

Es werden sicherlich die ein oder anderen alten Zöpfe abgeschnitten oder jetzt nach US-Style gemacht. Ist das richtig oder falsch? Auch hier, es ist anders und damit muss man umgehen. Oder nach im Hinterkopf haben: Take it, change it or leave it.


Welche Rolle spielen technologische Tools bei der Post-Merger-Integration?

Eine sehr große Rolle. Nicht selten werden aufgrund der Übernahme Systemumstellungen notwendig. Denn aus Sicht des übernehmenden Unternehmens macht es Sinn, dass man mit einheitlichen Systemen arbeitet. Nehmen wir das Finance & Accounting: Wenn jeder ein anderes ERP-System nutzt, ist das auf Dauer keine gute Lösung. Denn allein um das Reporting oder die Konsolidierung zu gewährleisten, müssen Workarounds gefunden werden. Dies macht es natürlich für alle schwerer und natürlich ist Excel dann ein regelmäßiger Begleiter mit allen Risiken und Nebenwirkungen daraus.


„Nicht selten werden aufgrund der Übernahme Systemumstellung notwendig. Denn aus Sicht des übernehmenden Unternehmens macht es Sinn, dass man mit einheitlichen Systemen arbeitet.“


Sind hier die Amerikaner technisch schon weiter als die deutschen Konzerne?

Das wird den Amerikanern zumindest immer nachgesagt, aber das zu beurteilen, ist nicht ganz mein Thema. Ich würde sagen, dass Sie stärker vorangehen und in der Umsetzung bei weitem ein schnelleres Tempo an den Tag legen als wir es meist gewohnt sind.


Und abseits des allgegenwärtigen Corona: Was treibt Sie derzeit am meisten um?

Eine gute Frage zum Abschluss. Momentan bin ich mittendrin in einer Neuausrichtung meiner Tätigkeiten. Ich fokussiere mich noch mehr auf das Mentoring von Unternehmen und deren Mitarbeitern, die genau diese Themen auf den Tisch bekommen, die wir heute angesprochen haben. Meist hilft einfach der Austausch oder das Teilen von Erfahrungen und gelebter Praxis am meisten. Hilfe zur Selbsthilfe. Einfach ein offenes Ohr und nicht zuletzt gemeinsames Brainstorming, um gut durch die Post-Merger-Integration zu kommen. Daneben freue ich mich auf mein neues Buch-Projekt, bei dem ich dabei sein werde.

Kai Hesselmann

Kai Hesselmann

Kai ist Co-Founder und Managing Partner von DealCircle.
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